GLEICHSTELLUNG

Alles queer

oder was?

Die Emanzipation von Schwulen und Lesben ist heute Alltag. Für queere Menschen gibt es diese hart erkämpfte Normalität dagegen noch nicht. Wie sie aussieht, wenn Freiheit alles erlaubt, ist noch unklar. Auch die Forschung hat noch nicht nachgefragt.

TEXT: JAN FEDDERSEN

GLEICHSTELLUNG

Alles queer
oder was?

Die Emanzipation von Schwulen und Lesben ist heute Alltag. Für queere Menschen gibt es diese hart erkämpfte Normalität dagegen noch nicht. Wie sie aussieht, wenn Freiheit alles erlaubt, ist noch unklar. Auch die Forschung hat noch nicht nachgefragt.

TEXT: JAN FEDDERSEN

Die frühen Neunzigerjahre, der Eiserne Vorhang war kaum gefallen, da veröffentlichte der berühmteste Graphic Novelist Deutschlands eine markante Zeichnung. Ralf König, der schwule Zeichner, verortete seine Lieblingsfiguren Konrad und Paul in einem Eiscafé. Dort sagt also der eine der beiden: „Übrigens bin ich schwul. Und dann hätte ich gern zwei Kugeln, Vanille und Schokolade.“

Man sah der Miene des Sagenden den aufmüpfig gestimmten Mut an, mit der er das Triviale, die Bestellung seiner Eisportion, mit dem für ihn Relevanten verband: zu sagen, ja, zu betonen, schwul zu sein. Die Serviererin erwidert, ohne auch nur den Blick zu heben: „Das Erste ist mir egal, für das Zweite: Mit oder ohne Sahne?“

Tyrannisches Schweigen

Das Dilemma, das diese Bilderfolge so akkurat ausbreitet, ist vielleicht für Jüngere kaum mehr verständlich. Schwul zu sein, ist ja so gut wie nirgends mehr skandalös. Weshalb muss es dann, wie in der Ralf-König-Szene mit Konrad und Paul, noch extra betont werden?

Schwules und Lesbisches war einst nicht nur ein moralisches Volldesaster, sondern konnte auch ein berufliches Aus bedeuten und hatte eine Fülle von Schikanen und Nachstellungen zur Folge. In den Jahren der ersten sozialliberalen Koalition, die der Sozialdemokrat Willy Brandt mit dem Liberalen Walter Scheel 1969 begründete, begannen sich die vergifteten Knoten der grundsätzlichen Homophobie immerhin zu lösen. Der Paragraph 175 in seiner Nazifassung wurde abgemildert: Es war nicht mehr verboten, wenn zwei erwachsene Männer miteinander ins erotische Benehmen kamen. Aber es blieb ein Faktor, und es blieb unsagbar.

Diese Unsagbarkeit bedeutete ein oft auch tyrannisches Schweige-, jedenfalls Diskretionsgebot. Es ziemte sich nicht, über Schwules (oder Lesbisches) zu reden, öffentlich. Aus heterosexuellem und meist auch aus homosexuellem Blickwinkel glaubte man, damit den „Betroffenen“ – auch so ein Wort dieser Zeit – einen Gefallen zu tun. Man meinte, sie vor der weiterhin dominierenden Aversion gegen Homosexuelle zu schützen. In Wahrheit war dies jedoch auch immer eine Ausrede.

Als gute Schüler der aktivistisch orientierten Schwulenbewegung schlugen Konrad und Paul in Ralf Königs Comicstrip den Diskreten das Diskretionsgebot um die Ohren: Ha, wir sind da, wir sind nichts, was beschwiegen werden möchte. Und die Kellnerin, wie geschildert, reagiert so cool, wie es heute üblich sein sollte: Es interessieren sie nicht die Liebes- oder Lebensverhältnisse im Privaten, sondern sie will das Naheliegende wissen, das professionell Funktionale: Mit oder ohne Sahne?

Noch in unseren Tagen hört man: Oh, wenn bekannt wird, dass der oder die schwul oder lesbisch ist … dann schadet das der Karriere! Als ob eine gleichgeschlechtliche Art des Begehrens und der Liebe ein Schadensdatum wäre, eine Bürde mit tonnenschwerer Last, über die man besser schweigt. Noch der angehende FDP-Parteichef und spätere deutsche Außenminister Guido Westerwelle schätzte sein eigenes Schwulsein über sehr viele Jahre politisch so ein, dass es besser nicht Gegenstand öffentlicher Erörterungen werden sollte – es hätte seinen Weg womöglich vereitelt.

Dass das Unfug ist, bewiesen schwule Politiker wie Volker Beck von den Grünen und der sozialdemokratische Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, der sich vor seiner Wahl lieber selbst outete, als zum Gegenstand fiesen Geflüsters zu werden. Sie alle – zu denen auch der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust von der CDU zu zählen ist – erkannten, dass sie mit ihrer entdramatisierten Homosexualität politisch nicht nur nicht aneckten, sondern sich sogar einen Coolnessfaktor zulegten. Wowereit war in Berlin so populär wie niemand sonst zu seiner Zeit, und Westerwelle tat schließlich das Seinige, um dem Außenamt auch in queerer Hinsicht politisches Selbstbewusstsein zu verleihen. Er sagte ganz selbstverständlich zu seinem Mann: „mein Mann“.

Skandalöse Homophobie

Gleiches gilt auch für lesbische Frauen. Die ARD-Starmoderatorin Anne Will haderte irgendwann nicht mehr damit, dass sie mit der bekannten Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel zusammen war; die Politikwissenschaftlerin Sylke Tempel, eine der wichtigsten Beraterinnen der Bundesregierung, lebte ihre Homosexualität nicht minder offen und souverän. Sie waren in einer – erkämpften! – Normalität angekommen. Und sie waren und sind Teil einer öffentlichen Atmosphäre liberalen Einvernehmens.

Leider ist allerdings die queere Wissenschaft nicht so wach aufgestellt, als dass sie schon hätte herausfinden wollen, wie es um die liberale, tolerante Verfasstheit der Gesellschaft steht. Aber soweit man buchstäblich allen Erzählungen aus allen Milieus trauen kann, so steht doch fest: Nicht Homosexualität ist ein skandalträchtiger Umstand mehr, sondern Homophobie.

Welch ein zivilisatorischer Fortschritt: Dass sich jemand nicht für sein Schwul- oder Lesbischsein moralisch rechtfertigen muss, sondern, umgekehrt, für seine Aversion gegen homosexuelle Menschen. Wenn jemand, den man nicht gut kennt, darauf zu sprechen kommt, er (oder sie) heirate in Bälde, könnte eine interessierte Gegenfrage lauten: „Mann oder Frau?“ Frühere Generationen nichtheterosexueller Menschen vermochten sich das gewiss nie vorzustellen. Die Ehe für alle, 2017 vom Bundestag beschlossen, hat das bürgerliche Personenstandsrecht von einem vormodernen, illiberalen Kon-strukt befreit. Die Ehe gilt jetzt für alle Geschlechtskombinationen, und zwar unterschiedslos.

Beck, Wowereit, von Beust – Politiker erkannten den Coolnessfaktor einer entdramatisierten Homosexualität.

Beck, Wowereit, von Beust – Politiker erkannten den Coolnessfaktor einer entdramatisierten Homosexualität.

Fehlende Forschung

Homosexuelle sind damit – vor einem halben Jahrhundert war dies ganz unträumbar – normal geworden. Jetzt aber sagen Menschen aus der LGBTI*-Bewegung: Das wollen wir nicht. Wir sind nicht normal, wir sind queer. Queer ist eine aus dem amerikanischen Universitätsmilieu stammende Bezeichnung für alle, die nicht heterosexuell im klassisch-familiären Sinne orientiert sind, also Mann + Frau + Kind(er). Sie pochen darauf, dass sie anders sind, anders in welcher Hinsicht auch immer, vor allem indentitärer. Einige Jahre sind sie weiblich, dann wieder männlich, vielleicht auch in pharmakologisch-medizinischer Hinsicht transitionsbereit zur Änderung des bei der Geburt erkennbaren Geschlechts. Selbst wenn die Ampelkoalition ein Identitäts-Selbstbestimmungsrecht beschlösse, selbst wenn Identitätsfragen im Belieben des Einzelnen lägen, bliebe eine Frage offen: Und dann – also: danach?

Winkte dann nicht schon wieder die gefürchtete Normalität, also ein Leben, ein Dasein, in dem die sexuelle Identität, das sexuelle Begehren nur ein Aspekt unter vielen ist? Auch hierzu gibt es keine sozialwissenschaftlich fundierten Forschungen. Es fehlt den an den Universitäten in den entsprechenden Fächern (Gender Studies usw.) tonangebenden Professoren, Professorinnen und Studierenden an Erkenntnisinteresse herauszufinden, was es mit Lesben und Schwulen und Trans und geschlechtlich Undefinierbar-sein-Wollenden macht, wenn ihnen alle Freiheit gegeben ist, wenn sie also sein können, wer sie wollen.

Vermutlich würde herausgefunden, was schon jetzt in den schwulen und lesbischen (und auch politisch eher distanzierten Trans-)Communities erkennbar ist: dass die allermeisten eine Art Normalität wollen. Dass ihre Lebens- und Liebesfähigkeiten nicht mehr im Mittelpunkt gesellschaftlichen Getuschels und Geraunes stehen und stehen sollen. Dass es, beispielsweise, heute schon schwule Männer gibt (und immer gab), die sich den Klischees, die homosexuellen Männern angedichtet werden, nicht unterwerfen oder ihnen nicht folgen wollen. Männer also, die keinen Sinn für Ballett oder Design haben, sondern für Fußball, Wirtshäuser, Bierschwemmen und Campingurlaub. Und dass es schwule, lesbische oder Trans-Menschen gibt, die weder liberal noch konservativ noch links oder grün wählen – sondern rechts, also AfD.

Nichts Besonderes mehr sein müssen: Das gehört zum Recht auf Individulität dazu. 

Nichts Besonderes mehr sein müssen: Das gehört zum Recht auf Individulität dazu. 

Ein normales Wahlverhalten

Im Moment ergibt sich bei Umfragen zum queeren Wahlverhalten noch stets eine grüne Dominanz, gefolgt von SPD und FDP, die Union ist hier eine krasse Minderheit. Zur Normalisierung gehört aber auch die des Wahlverhaltens: Wenn alle queeren Punkte von der Agenda verschwunden sind, wenn alles, wie es sich in liberal-rechtsstaatlichen Staaten gehört, von antihumaner Ideologie befreit ist, dann normalisiert sich auch das Wahlverhalten. Das gehört zum großen Projekt „Freiheit und Emanzipation“ einfach dazu, dem in den Sechziger- bis Achtzigerjahren hauptsächlich die Liberalen folgten, das dann von den Grünen und der SPD dominiert wurde und für das nun die Ampelkoalition gemeinsam die letzten Krümel von Diskriminierung vom Tisch fegen will.

Wie extravagant oder queer oder besonders oder unkonventionell jemand ist, entscheidet sich dann nicht mehr über das sexuelle Begehren – sondern allein aus der Kraft der einzelnen Person. Wer in den Augen der anderen „normal“ und unauffällig oder angepasst oder sonstwie konventionell sein will: Gern, soll er oder sie einfach so leben. Nichts Besonderes mehr sein müssen: Das gehört zum Recht auf Individualität dazu.

Jan Feddersen ist Redakteur für besondere Aufgaben bei der „taz“ und kuratiert u. a. das taz lab und die taz Talks.

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